Archiv Seite 3

fub presents: Donnerstag 12. Dezember. JUS­TIN MON­DAY: Wie neo­li­be­ral war der Neo­li­be­ra­lis­mus?


Vor dem Herbst 2008 glaub­ten weite Teile der Lin­ken, sie hät­ten es mit einem ent­staat­lich­ten, neo­li­be­ra­len »Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus« zu tun. Für kurze Ir­ri­ta­ti­on sorg­te dann die An­ti-​Kri­sen­po­li­tik. War das noch neo­li­be­ral? Die­ser Ir­ri­ta­ti­on konn­te noch ein­mal mit der Be­haup­tung be­geg­net wer­den, der Neo­li­be­ra­lis­mus sei eben das au­to­ri­tä­re Pro­jekt he­ge­mo­nia­ler Staa­ten. Das käme der his­to­ri­schen Wahr­heit näher als die lange Zeit do­mi­nan­te Vor­stel­lung sei­ner Staats­fer­ne, würde nicht zu­gleich dar­auf be­harrt, der Be­griff ›neo­li­be­ral‹ könne die ge­sell­schaft­li­chen oder auch nur die po­lit­öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se seit den 1980er-​Jah­ren in allen we­sent­li­chen As­pek­ten er­fas­sen. Da­ge­gen soll an­hand der Ent­ste­hung der neo­li­be­ra­len Theo­rie in Re­ak­ti­on auf die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929 und von deren Re­la­ti­on zur Wirt­schafts­po­li­tik des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus deut­lich ge­macht wer­den, dass seine we­sent­li­chen Merk­ma­le aus an­ti­li­be­ra­len Quel­len stam­men, die in der ak­tu­el­len Krise wie­der prä­sent sind.

Jus­tIn Mon­day ver­öf­fent­licht zum Thema u. a. in kon­kret, Exit!, Pha­se2 und Jung­le World.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Don­ners­tag, 05. Dezember. Benjamin Bauer: Die Er­zäh­lung vom »ent­ar­te­ten Volk«. Die his­to­ri­sche Eu­ge­nik und ihre Kri­ti­ker_in­nen

»Die größ­te Ge­fahr für ein Volk ist die Ent­ar­tung, d. h. die Ver­ar­mung an wert­vol­len Erb­an­la­gen. Ent­ar­tung tritt ein, wenn die tüch­ti­gen Volks­ge­nos­sen we­ni­ger Kin­der haben als die min­der tüch­ti­gen«. (Leit­sät­ze der Ge­sell­schaft für Ras­sen­hy­gie­ne, 1931/32)
Zwar wur­den die ras­sis­ti­schen und an­ti­se­mi­ti­schen Denk­mus­ter in Thilo Sar­ra­zins Deutsch­land schafft sich ab (2010) öf­fent­lich skan­da­li­siert. Im Bezug auf Sar­ra­zins eu­ge­ni­sche Wert- und Po­li­tik­vor­stel­lun­gen wurde je­doch kaum Kri­tik ge­äu­ßert, ob­wohl es seit dem »Hu­man­ge­nom­pro­jekt« und der Auf­schlüs­se­lung des »mensch­li­chen Bau­kas­tens« durch­aus eine wis­sen­schaft­lich-​phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Eu­ge­nik gibt.
Der Man­gel an Kri­ti­ker_in­nen ist nichts Neues. Selbst wäh­rend der Phase der his­to­ri­schen Eu­ge­nik­be­we­gung (ca. 1900-​1933) waren sie sel­te­ne Aus­nah­men und auch in der For­schung wer­den sie nur am Rande be­han­delt. Eu­ge­ni­sche Po­li­tik fand in der Wei­ma­rer Re­pu­blik vor allem wäh­rend der Welt­wirt­schafts­kri­se Un­ter­stüt­zung, ob­wohl die Eu­ge­nik in­ter­na­tio­nal in den spä­ten zwan­zi­ger Jah­ren in eine Krise ge­riet. Der Vor­trag wid­met sich den Ar­gu­men­ten sowie der so­zia­len Stel­lung ei­ni­ger Kri­ti­ker_in­nen und geht der Frage nach, wes­halb die Kri­tik der Eu­ge­nik in Deutsch­land so lange mar­gi­na­li­siert war.

Ben­ja­min Bauer stu­dier­te Ge­schich­te, Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie in Bam­berg und ar­bei­tet in der Of­fe­nen Be­hin­der­ten­ar­beit.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Donnerstag 28. November 2013. RO­BERT ZWARG: »Dem Markt ent­geht keine Theo­rie mehr« – Kri­ti­sche Theo­rie zwi­schen Wis­sen­schafts­kri­tik und Aka­de­mi­sie­rung


Die Kri­ti­sche Theo­rie ist ohne Zwei­fel im Wis­sen­schafts-​ und Kul­tur­be­trieb an­ge­kom­men. Viel­fach über­setzt und in zahl­lo­sen Va­ri­an­ten wie­der­ver­öf­fent­licht, fi­nan­zie­ren die Schrif­ten Theo­dor W. Ador­nos und Wal­ter Ben­ja­mins aus der Back­list des Suhr­kamp Ver­la­ges eine Gior­gio-​Agam­ben-​Aus­ga­be nach der an­de­ren. Ganze Bi­blio­the­ken lie­ßen sich mit der Se­kun­där­li­te­ra­tur zur Kri­ti­schen Theo­rie fül­len. Ein­füh­run­gen, Ex­ege­sen, Kri­ti­ken, Ver­glei­che und Hand­bü­cher tum­meln sich im Bü­cher­meer; in Ame­ri­ka sind unter dem Stich­wort »Cri­ti­cal Theo­ry« – er­wei­tert um die kon­ti­nen­ta­le Geis­tes­ge­schich­te von Kant bis Der­ri­da – sogar Ab­schlüs­se zu er­wer­ben. Moch­te es noch his­to­ri­scher Zu­fall ge­we­sen sein, dass Ador­no ein »Staats­feind auf dem Lehr­stuhl« (Wolf­gang Pohrt) sein konn­te, heute sind die Kri­ti­sche Theo­rie, eben­so wie der Mar­xis­mus, le­gi­ti­me Ti­ckets in den aka­de­mi­schen Be­trieb. Die Aka­de­mi­sie­rung einer nicht nur ra­di­kal kri­ti­schen – das heißt an die Wur­zeln der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ge­hen­den –, son­dern de­zi­diert an­ti-​aka­de­mi­schen und wis­sen­schafts­kri­ti­schen Denk­tra­di­ti­on ist er­klä­rungs­be­dürf­tig. Um das Ver­hält­nis der Tra­di­ti­on Ador­nos, Hork­hei­mers et al. zum Wis­sen­schafts­be­trieb zu er­hel­len, folgt der Vor­trag der These, dass die Kri­ti­sche Theo­rie von einer ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung ein­ge­holt wurde, die sie selbst vor­aus­ge­se­hen hat und an der sie gleich­wohl teil­hat­te.

Ro­bert Zwarg lebt in Leip­zig und pro­mo­viert zur Re­zep­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie in Ame­ri­ka. Er ist Mit­glied der Re­dak­ti­on der Phase 2.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Donnerstag 21. November. Sonja M. Schultz. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im Film. Von Tri­umph des Wil­lens bis In­g­lou­rious Bas­terds. Buch­vor­stel­lung mit Bil­dern und Film­aus­schnit­ten

Das Kino war ein ent­schei­den­der Ort na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Selbst­dar­stel­lung, und der Film hat sich seit den fa­schis­ti­schen Pro­pa­gan­da-​Bil­dern un­ab­läs­sig mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­fasst: mit den Nazis und Hit­ler, mit dem Ho­lo­caust, dem Ver­nich­tungs­krieg, mit Wi­der­stand und Be­frei­ung. Wie­der und wie­der wird die Ver­gan­gen­heit, die sich nicht be­wäl­ti­gen lässt, in­sze­niert: in Spiel­fil­men, Sa­ti­ren, Do­ku­men­tar­fil­men, als Ho­lo­caust-​Dra­ma, Sci­ence Fic­tion oder Trash­film, im Kino, im Fern­se­hen und im In­ter­net.
Sonja M. Schultz zeigt Aus­schnit­te aus über 70 Jah­ren NS im Film: her­aus­ra­gen­de Werke, hart­nä­cki­ge Kli­schees, är­ger­li­cher Re­vi­sio­nis­mus.

Sonja M. Schultz ist Film­jour­na­lis­tin und Film­wis­sen­schaft­le­rin aus Ber­lin. Ihre In­ter­es­sens­schwer­punk­te sind Ge­schichts­bil­der, Do­ku­men­tar­fil­me und NS-​Pro­pa­gan­da­fil­me. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im Film (2012) ist ihre über­ar­bei­te­te Dis­ser­ta­ti­ons­schrift.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Donnerstag und Freitag den 14./15. November. Antifa und Western.

Don­ners­tag, 14.​11.
MIRJA KEL­LER UND JAN SCHLE­MER­MEY­ER:
An­ti­fa – Ge­schich­te und Or­ga­ni­sie­rung

In dem Buch An­ti­fa – Ge­schich­te und Or­ga­ni­sie­rung (Reihe www.​theorie.​org / Schmet­ter­ling Ver­lag), das die­ses Jahr be­reits in zwei­ter über­ar­bei­te­ter Auf­la­ge er­schie­nen ist, geben die Au­to­r_in­nen einen Über­blick über die Vor­läu­fer sowie Theo­ri­en und Prak­ti­ken der An­ti­fa-​Be­we­gung heute und der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Das Buch bie­tet die Mög­lich­keit, Er­kennt­nis­se über er­ar­bei­te­te und ver­wor­fe­ne Theo­ri­en sowie Er­fol­ge und Nie­der­la­gen der Pra­xis zu sam­meln, was ge­ra­de für die mo­der­ne, sich im ste­ti­gen Wan­del be­find­li­che An­ti­fa-​Be­we­gung von gro­ßer Be­deu­tung ist. Das Buch hilft so, Wis­sen um die ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­lan­gen, damit das Rad nicht immer neu er­fun­den wer­den muss. In dem Vor­trag wer­den die Au­to­r_in­nen Kern­the­sen des Bu­ches vor- und zur Dis­kus­si­on stel­len.

Mirja Kel­ler und Jan Schle­mer­mey­er sind seit Jah­ren in der an­ti­fa­schis­ti­schen Lin­ken in Frank­furt a. M. aktiv. Mirja Kel­ler pro­mo­viert zur re­li­gi­ös-​zio­nis­ti­schen Kib­butz­be­we­gung in Eu­ro­pa und ar­bei­tet in der po­li­ti­schen Bil­dungs­ar­beit. Jan Schle­mer­mey­er pro­mo­viert zur Trans­for­ma­ti­on der Po­li­tik im Neo­li­be­ra­lis­mus. Au­ßer­dem ar­bei­tet er mit im In­sti­tut für ka­te­go­ria­le Ana­ly­se (In­ka­tan).

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

Frei­tag, 15.​11.
NILS EBERT:
»Wa­gons West!« Zur My­tho­lo­gie des US-​ame­ri­ka­ni­schen Wes­tern­films

Der Wes­tern war bis in die 1970er Jahre hin­ein ein vi­ta­les Genre, seine An­fän­ge gehen mit der Ent­wick­lung des Me­di­ums Film ein­her. Viele Wes­tern­fil­me las­sen sich als Kom­men­ta­re auf ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Fra­gen ihrer Ent­ste­hungs­zeit lesen, gel­ten in ihrer Ar­gu­men­ta­ti­on aber als ex­trem rechts­kon­ser­va­tiv, an­ti­fe­mi­nis­tisch, bis­wei­len gar ras­sis­tisch. Der Vor­trag wird ver­schie­de­ne, größ­ten­teils zwi­schen den 1930 und 1970er Jah­ren ent­stan­de­ne US-​ame­ri­ka­ni­sche Wes­tern­fil­me an­hand von Film­aus­schnit­ten vor­stel­len, ihre nar­ra­ti­ven Struk­tu­ren un­ter­su­chen, auf die von ihnen ver­mit­tel­ten Wert- und Rol­len­an­ge­bo­te ein­ge­hen und nach ihren ideo­lo­gi­schen In­hal­ten fra­gen. Die ihnen zu­grun­de­lie­gen­de My­tho­lo­gie soll dabei skiz­ziert wer­den. Zudem wird ein Sei­ten­blick auf ei­ni­ge Coun­try-​Mu­sic-​Stü­cke ge­wor­fen. Deren Aus­sa­gen über ame­ri­ka­ni­sche Iden­ti­tät wer­den her­aus­ge­ar­bei­tet und in Bezug zum Phä­no­men des Wes­tern­films ge­setzt.

Nils Ebert stu­diert Ger­ma­nis­tik und So­zio­lo­gie in Bam­berg und hat über die Coun­try-​Mu­sic zum Wes­tern­film ge­fun­den. Ge­le­gent­lich wünscht er sich, es wäre so ein­fach, wie es John­ny Gui­tar, Prot­ago­nist in Ni­cho­las Rays gleich­na­mi­gen Wes­tern­klas­si­ker (1954), sagt: »When you boil it all down what does a man re­al­ly need? Just a smoke and a cup of cof­fee.« Zu­letzt hat Nils Ebert in der frei­en uni über das Thema »Pro­pa­gan­da 2020 – Zur Ent­fal­tung dee­s­ka­la­ti­ver Po­ten­tia­le« ge­spro­chen.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Donnerstag und Freitag. 7./8.11. 2x fub. 2x Türkei. 2x Fatma Umul.

Don­ners­tag, 07.​11.
FATMA UMUL:
#diren­ge­zi! (Leis­te Wi­der­stand, Gezi!)
Der Auf­stand gegen Erdoğan: Oc­cu­py-​Be­we­gung oder ›tür­ki­scher Früh­ling‹?

»Wir sind die Mehr­heit, wir wur­den ge­wählt, wir sind de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert!« – Mit Pro­pa­gan­da­aus­sa­gen wie die­sen ver­such­te der tür­ki­sche Pre­mier Erdoğan, die Wi­der­stän­de gegen die Zer­stö­rung des Ge­zi-​Parks als un­recht­mä­ßig zu dis­kre­di­tie­ren. Seine neo-​os­ma­ni­sche Ein-​Mann-​Au­to­ri­tät ver­half ihm, Sol­da­t_in­nen in Po­li­zei­uni­for­men klei­den zu las­sen, Po­li­zeit­er­ror zu le­gi­ti­mie­ren und die Me­di­en zu zen­sie­ren. Das Er­geb­nis: fünf Tote und tau­sen­de Ver­letz­te! Der bru­ta­le Um­gang mit den auf­ge­brach­ten Bür­ger_in­nen zeig­te die engen Gren­zen des De­mo­kra­tie­ver­ständ­nis­ses Erdoğans auf. Die For­de­rung nach dem Er­halt der Bäume im Ge­zi-​Park trans­for­mier­te sich in­ner­halb we­ni­ger Stun­den zu einer Re­vol­te gegen die Herr­schen­den. Kurz nach der Be­set­zung hieß es in einer Rede: »Wir wer­den nicht er­lau­ben, dass die mensch­li­che Ar­beits­kraft, die Städ­te, die Wäl­der, das Was­ser, die Bil­dung […] zu­guns­ten von Pro­fit kei­nen Wert mehr haben«. Neben der Dar­stel­lung der Er­eig­nis­se und einem his­to­ri­schen Ab­riss dar­über, wie die Ge­zi-​Auf­stän­de in der Ge­schich­te der Tür­kei ein­zu­ord­nen sind, soll dar­über dis­ku­tiert wer­den, wel­che glo­ba­len Dis­kur­se mit der 15-​tä­gi­gen Be­set­zung des Ge­zi-​Parks an­ge­sto­ßen wur­den, die auch nach der Räu­mung des Parks in zahl­rei­chen Park-​Fo­ren Thema sind.

Fatma Umul hat 2013 ein Prak­ti­kum bei der un­ab­hän­gi­gen Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on Mor Çatı in İstan­bul ge­macht. Als die Auf­stän­de los­gin­gen, dach­te sie kurz, die Re­vo­lu­ti­on sei aus­ge­bro­chen. Zu­tiefst ent­täuscht über die Räu­mung der Ge­zi-​Kom­mu­ne will sie jetzt dar­über dis­ku­tie­ren.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

Frei­tag, 08.​11.
FATMA UMUL:
»AKP, nimm deine Hände von mei­nem Kör­per!«
Erdoğans Frau­en­po­li­tik

»Wenn wir eine star­ke Na­ti­on sein wol­len, dann brau­chen wir star­ke Fa­mi­li­en. Star­ke Fa­mi­li­en mit min­des­tens drei Kin­dern«. Mit Aus­sa­gen wie die­sen ver­sucht der tür­ki­sche Pre­mier Erdoğan seit den jüngs­ten Wah­len im Jahre 2011, ›die Frau‹ als Ob­jekt für seine neo­li­be­ra­le Wirt­schafts­po­li­tik zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Seine kon­ser­va­ti­ve Fa­mi­li­en­ideo­lo­gie gibt vor, Ge­walt in der Fa­mi­lie zu be­kämp­fen, ta­bui­siert diese aber, wenn sie sich gegen Frau­en rich­tet. Die im­pli­zi­ten Ein­schrän­kun­gen des Ab­trei­bungs­ge­set­zes waren der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen brach­te. Es wur­den ›Über­zeu­gungs­zim­mer‹ eta­bliert, in denen Frau­en von ei­gen­stän­di­gen Ent­schei­dung ab­ge­bracht wer­den sol­len. Bei Schwan­ger­schaft auf­grund einer Ver­ge­wal­ti­gung lau­tet die Lö­sung der Re­gie­rung: »Ihr könnt ge­bä­ren und wir er­zie­hen das Kind«. Die neuen Ge­set­ze las­sen ›die Frau‹ in der Ge­sell­schaft un­sicht­bar wer­den. Kri­tik und Ge­gen­wind er­fährt Erdoğan durch zahl­rei­che fe­mi­nis­ti­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Mor Çatı.
Der Vor­trag gibt einen Ein­blick in den his­to­ri­schen Ver­lauf der zwei­ten Welle der tür­ki­schen Frau­en­be­we­gung, die sich in den 1980ern voll­zog. Am Bei­spiel der Ar­beit von Mor Çatı wer­den un­ter­schied­li­che fe­mi­nis­ti­sche Dis­kur­se im Bezug auf ak­tu­el­le Er­eig­nis­sen dar­ge­stellt. Der Vor­trag soll die Grund­la­ge für eine ge­mein­sa­me Dis­kus­si­on bil­den. An­ge­schnit­ten wird dabei auch die De­bat­te zwi­schen fe­mi­nis­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen in der Tür­kei, die Frau­en vor­be­hal­ten sind, und der LGBT (Les­bi­an/Gay/Bi­se­xu­al/Trans) Be­we­gung.

Fatma Umul wurde in ihrem Prak­ti­kum bei Mor Çatı mit dem Fe­mi­nis­mus der 1970er Jahre in Deutsch­land kon­fron­tiert und fragt sich nun, ob es nicht bes­ser wäre, wenn der Fe­mi­nis­mus davon ab­sä­he, sein Sub­jekt ›Frau‹ voll­kom­men zu de­kon­stru­ie­ren.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Don­ners­tag, 31.​10. JACOB EM­MA­NU­EL MABE: Anton Wil­helm Amo und die phi­lo­so­phi­schen Hin­ter­grün­de sei­nes Le­bens

Anton Wil­helm Amo (ca. 1700 bis ca. 1759) stamm­te aus Afri­ka und kam in jun­gen Jah­ren als ›Ge­schenk‹ an den Hof des Her­zogs von Braun­schweig und Lü­ne­burg. Ge­prägt von den Ideen der Auf­klä­rung, er­mög­lich­te ihm die­ser ein Stu­di­um und damit sei­nen Wer­de­gang als Phi­lo­soph, der sich an den ma­te­ria­lis­ti­schen und ra­tio­na­lis­ti­schen De­bat­ten im Eu­ro­pa des 18. Jahr­hun­derts aktiv be­tei­lig­te. Der Vor­trag nimmt das ge­gen­wär­tig zu­neh­men­de In­ter­es­se an sei­ner Per­son zum An­lass, um die in­ter­es­sier­ten Zu­hö­rer_in­nen mit den phi­lo­so­phi­schen Hin­ter­grün­den sei­nes Den­kens ver­traut zu ma­chen. Im Mit­tel­punkt ste­hen fol­gen­de Fra­gen: (1) Was waren die phi­lo­so­phi­schen Grund­la­gen der Auf­klä­rung, und in wel­chem Ver­hält­nis stand Amo zu deren Geist? – (2) Was ver­stand Amo unter dem »Ding an sich?« – (3) Wel­che Be­deu­tung maß er der Her­me­neu­tik bei der Über­win­dung von Vor­ur­tei­len bei? – (4) Und warum wurde sein Den­ken in Deutsch­land bis­lang kaum re­zi­piert?

Jacob Em­ma­nu­el Mabe, ge­bo­ren 1959 in Ka­me­run; Stu­di­um in Mün­chen; Dr. Dr. Dr. Phil. habil.; ist Pro­fes­sor für in­ter­kul­tu­rel­le Phi­lo­so­phie und Gast­wis­sen­schaft­ler am Frank­reich-​Zen­trum der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Bis 2011 war er Prä­si­dent der deut­schen Ge­sell­schaft für fran­zö­sisch­spra­chi­ge Phi­lo­so­phie e. V. Er ist Grün­dungs­vor­sit­zen­der der An­ton-​Wil­helm-​Amo-​Ge­sell­schaft e. V. und u. a. Her­aus­ge­ber des ers­ten Afri­ka-​Le­xi­kons in deut­scher Spra­che.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

fub presents: Don­ners­tag, 24.​10. [pæris]. Etwas bes­se­res als der Markt

Kon­kur­renz und Be­frie­di­gung der Be­dürf­nis­se aller ist zu­sam­men nicht zu haben. Ko­ope­ra­ti­on be­deu­tet in einer ar­beits­tei­li­gen Öko­no­mie aber ge­mein­sa­me Pla­nung der Pro­duk­ti­on, also Plan­wirt­schaft. Das wie­der­um klingt selbst für Kom­mu­nis­t_in­nen oft nach au­to­ri­tä­rem Staat und Ein­heits­pro­duk­ten. Also set­zen viele Linke auf Markt­me­cha­nis­men in der Hoff­nung, in­di­vi­du­el­le Frei­heit zu si­chern, und damit auf Kon­kur­renz, die im Kon­flikt mit dem Ziel eines guten Le­bens für alle nach Maß­ga­be des ge­sell­schaft­lich Mach­ba­ren steht. Wie kann aber eine par­ti­zi­pa­ti­ve an­stel­le einer staat­li­chen Pla­nung der Pro­duk­ti­on aus­se­hen? Das ist nicht ein­fach eine Frage von zen­tra­ler oder de­zen­tra­ler Pla­nung, denn Kran­ken­haus­tech­no­lo­gie-​ oder iPod-​Pro­duk­ti­on ist ver­mut­lich nicht in jeder Stadt sinn­voll. Wäh­rend in Zei­ten von Face­book & Co das Er­fas­sen der Vor­lie­ben und Wün­sche aller ein Leich­tes ist, braucht es den­noch po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen über die Pro­duk­ti­on, die nicht an Com­pu­teral­go­rith­men de­le­gier­bar sind. Wel­che Fra­gen stel­len sich somit für eine eman­zi­pa­to­ri­sche Ge­stal­tung der Öko­no­mie?

[pæris] ist eine ka­pi­tal­kri­ti­sche Grup­pe aus Ber­lin, die sich seit ei­ni­gen Jah­ren mit herr­schafts­frei­er Plan­wirt­schaft be­schäf­tigt. Wir glau­ben, dass über eine nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on der Öko­no­mie viel mehr dis­ku­tiert wer­den soll­te.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)

fub presents: Fr 18.10. Ronny Blaschke. An­griff von Rechts­au­ßen – Wie Neo­na­zis den Fuß­ball miss­brau­chen

Rechts­ex­tre­me nut­zen die Volks­be­we­gung Fuß­ball, um ihre men­schen­ver­ach­ten­den An­sich­ten zu ver­brei­ten. Die NPD wirbt in der Fan­sze­ne Mit­glie­der und schöpft Wäh­ler_in­nen­stim­men. Auf Ama­teu­re­be­ne ge­win­nen ihre Par­tei­funk­tio­när_in­nen als Klub­ver­tre­ter_in­nen oder Schieds­rich­ter_in­nen ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz. Neo­na­zis grün­den Sport­ver­ei­ne, um Ju­gend­li­che an ihre Ka­me­rad­schaf­ten her­an­zu­füh­ren. Sie nut­zen Tur­nie­re zur Ver­net­zung und zur Stär­kung ihrer Grup­pen­iden­ti­tät. Der Jour­na­list Ronny Blasch­ke lässt Neo­na­zis und Ge­gen-​Ak­ti­vis­t_in­nen in sei­nem Buch »An­griff von Rechts­au­ßen« zu Wort kom­men. Er be­schreibt, wie Rechts­ex­tre­me das Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie und To­le­ranz im Fuß­ball nach­hal­tig schä­di­gen.

Ronny Blasch­ke ar­bei­tet als frei­er Autor für Die Zeit, die Süd­deut­sche Zei­tung und das Deutsch­land­ra­dio. Er be­rich­tet über die ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Hin­ter­grün­de des Sports. Sein Buch Im Schat­ten des Spiels (2007) wurde von der Deut­schen Aka­de­mie für Fuß­ball Kul­tur als Fuß­ball­buch des Jah­res aus­ge­zeich­net. Sein zwei­tes Werk Ver­steck­spie­ler – Die Ge­schich­te des schwu­len Fuß­bal­lers Mar­cus Urban (2009) löste eine in­ten­si­ve De­bat­te über Ho­mo­pho­bie im Sport aus.

Ort: Bal­tha­sar, Bal­tha­s­ar­gäss­chen 1 (zwi­schen Schran­ne und Kaul­berg)
Be­ginn: 20:00
Ein­tritt: frei

Neues Semesterprogramm online!

Unter Abstracts oder direkt hier. Leider hat diesmal das Komprimieren keine akzeptablen Ergebnisse erbracht. Aber 10Mb sollten eure Bandbreiten schon mitmachen ;)